Ich gebe und empfange im selben Moment

Eine Geschichte, erlebt auf meiner letzten Arbeitsstelle:

Da steht sie verloren an der Werkbank, ihre Finger sind in ständiger Bewegung und sie wackelt von einem Bein auf das Andere.

Zwischen Zeigefinger und Ringfinger ist die Haut vom Nikotin gelb verfärbt und man kann die innere Spannung spüren die sie mit dem Rauchen abbauen will. Die Kleidung ist etwas zu groß, jenseits von chic und die Hose droht ihr von den schmalen Hüften zu rutschen. Na, zumindest hat sie heute geduscht, so das sie nicht so doll riecht und die strähnigen grauen Haare etwas frischer wirken. Unsicher schaut sie mich an, wartet auf einen Auftrag von mir.

Ich denke „Was mach ich nur mit ihr, sie kann nicht genau sägen, überhaupt, nicht genau arbeiten, eigentlich kann sie nichts so wirklich. Ich weiß auch nicht was sie will, außer regelmäßig zu uns in die Einrichtung kommen, auch das schafft sie nur mit viel Unterstützung. Reden tut sie auch nicht und wenn ist es schwer verständlich…“

Aus einer Eingebung frage ich sie, ob sie einen Baum aus Sperrholz machen möchte und sie sagt ja, oder was man so als ja verstehen kann. So gebe ich ihr dünnes Sperrholz und lasse sie, mit der Laubsäge, Blätter aussägen, die ich ihr vorher aufmale. Sie trifft nicht eine Linie aber was rauskommt ist zumindest oval. Geduldig korrigiere ich ihre Körperhaltung und ermuntere sie noch mehr Blätter auszusägen. Nachdem sie eine gute Handvoll kleiner ovaler „Blätter“ ausgesägt hat, wagen wir uns an den Stamm und den Fuß. Auch hier trifft sie nicht eine einzige Linie, aber es sieht wie ein Stamm aus. Während der Arbeit ist sie begeistert dabei, soweit man das erkennen kann. Ich mag es mir einbilden, aber sie ist erstaunt das ich nicht urteile, sondern nur Tipps gebe wie sie das Werkzeug gesünder hält. Die Blätter klebt sie mit Holzleim und fahrigen Bewegungen auf den Stamm. Den Vorschlag erst die Blätter und dann den Stamm, vor dem Aufkleben zu bemalen, schlägt sie rigoros aus. „Erst kleben“ – klar und eindeutig. Anschließend bemalt sie die Blätter und den Stamm so das es eher wie Camouflage aussieht, überall Braun und Grün, immerhin mit Schwerpunkt grün auf den Blättern.

Schließlich steht sie nun, nach mehreren 2 Stunden Vormittagen, da und ist fertig, mit einem Baum aus Sperrholz ca. 20 cm hoch zum aufstellen, von einer Mitfünfzigerin gebastelt auf dem Niveau eines Kindergartenkindes.

Ich nehme ihn und sage ihr aufrichtig und ehrlich das ich ihn schön finde und ich es toll finde wie sie das gemacht hat. Und sie schenkt mir ein Lächeln was ich nie vergessen werde. Sie strahlt Freude, Stolz und trotz ihrer Gestalt eine wunderbare Würde aus. Für einen Augenblick ist ihre Spannung weg und der ganze wunderbare liebenswerte Mensch ist zu sehen. So hat mich diese Frau daran erinnert, das es unser Urteil ist was klein macht.

Der Baum steht immer noch in der Werkstatt und wenn ich mal denke die Arbeit ist sch….. Dann schau ich ihn mir an und weiß wofür ich das mache. Um zu geben und zu empfangen.